Duldungspflichten von (Kinder)lärm

Man kann sich seine Nachbarn nicht aussuchen. Das gilt für Internet-Suchmaschinen noch mehr als für das wahre Leben.
Als ich kürzlich an einem verregneten Sonntag Nachmittag meinen Namen in die Internet-Suchmaschine meines Vertrauens eingab, traf mich fast der Schlag.
In angenehmer Nachbarschaft mit meinen Namensvettern, von denen der eine ein Autorenbüro in Hamburg leitet, ein anderer das philosophische Seminar in Thüringen fiel ein anderer angeblicher Namensvetter sofort auf, der sich über ein juristisches Thema sehr polemisch äußerte. Eine Seite, welche sich mit Kinderrechten beschäftigt, stellte folgende Mail eines sich selbst als „Kinderlärmhasser“ bezeichnenden Stefan Koslowski online. Diese Mail habe ich eins zu eins von der Seite übernommen, einschließlich der Rechtschreibfehler:

Hallo,
gleich am Montag lasse ich euren komischen Verein und die Webseite …. von meinem Anwalt abmahnen, was Ihr dort unter Recht euch zusammenschustert im Bereich Kinderlärm grenzt an Verdummungs- Propaganda.
Wenn ich mit euch Fertig bin seid Ihr Pleite.
Zu meiner Person ich bin reich und hasse Kinderlärm. Da ich in meiner Jugend über einer Arbeitslosen Familie mit 5 ADHS Kindern gewohnt habe. Nun gebe ich meine Vermögen systematisch aus um Seiten wie Ihre zu schließen.
Mein Anwalt wird sicherlich was bei euch finden was dazu ausreicht. Alleine wegen dem Fehlens eines ordentlichen Impressums seid Ihr mehrere Hundert Euro los.

Hochachtungsvoll
StefanKoslowski
Kinderlärmhasser

Ein andermal äußerte sich ein Herr mit angeblich gleichem Namen über lasche Gerichtsurteile in Jugendstrafsachen.
Auch wenn ich nie die Befürchtung hatte, dass ein Mandant diese Zeilen mit mir in Verbindung bringen könnte, ein komisches Gefühl hinterließen sie im ersten Moment schon bei mir.
Schließlich musste ich aber auch herzhaft lachen, da ich aus meiner Zeit bei der Staatsanwaltschaft als Referendar und meiner Tätigkeit als Richter (u.a. Berufungsverhandlungen in Jugendstrafsachen) öfter zu hören bekam, meine Einstellung sei sehr milde. Ich war also Teil des angeblichen „Kuschelsystems“ und bin es jetzt noch viel mehr, da ich jugendliche Delinquenten verteidige!
Außerdem erinnerte ich mich an einen Vorfall während meiner Tätigkeit als Pflegehelfer in einem Seniorenheim in Berlin-Tempelhof, welche ich neben meinem Studium ausübte: ein querulatorischer Anrufer hielt an einem extrem heißen Sommerabend unseren gesamten Spätdienst auf Trab. Der Herr wollte uns befehlen, in einem Zimmer eines Bewohners des obersten Stockwerks das Fenster zu schließen. Der Bewohner schreie ihm zu laut und er fühle sich gestört, wenn er draußen auf seinem Balkon säße.
Ich sagte ihm unumwunden, dass ich ihm nicht helfen wollte, selbst wenn ich könnte. Denn an einem heißen Abend hätte der Bewohner das Recht, bei offenem Fenster zu schlafen und etwas Rücksichtnahme könne von jemandem, der neben einem Seniorenheim wohne, durchaus verlangt werden. Die Rechtsprechung sieht es genau so. Lärm der oben beschriebenen Art ist als sozialadäquat zu dulden.
Zur Ordnungswidrigkeit kann Lärm nach den Voraussetzungen des § 117 Ordnungswidrigkeitengesetz werden. Dabei muss es sich um unzulässigen oder den Umständen nach vermeidbaren Lärm handeln, der geeignet ist, die Allgemeinheit oder die Nachbarschaft erheblich zu belästigen oder die Gesundheit eines anderen zu schädigen.

1 Gedanke zu “Duldungspflichten von (Kinder)lärm

  1. Es ist traurig, dass es solche „Kinderlärmhasser“ gibt. Selbstverständlich wird aber keiner Ihrer Mandanten Sie mit solch einem Unfug in Verbindung bringen, da ja jeder weiß, wie sehr Ihnen korrekte Orthographie und Grammatik am Herzen liegen. 😉
    Zum Thema „Kuscheljustiz“ und Ihrer „milden Einstellung“: Sie sind ein guter Mensch! Zum Glück gibt es auch heute noch Personen, die aus den Wörtern „gut“ und „Mensch“ keine Beleidigung bilden.

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